"Die häufigsten Sexualstörungen"

verfasst von

Sabine Hirschmugl- Gaisch


Leitung der Gruppe: Univ. Prof. Dr. Marianne Springer-Kremser und Dr. Beate Riedl

Da im Alltag einer gynäkologischen Praxis die Präsentation von Symptomen einer Sexualstörung eher nur selten unter dieser konkreten Bezeichnung von Seiten der Patientinnen vorgebracht werden, waren das Interesse und die Wünsche nach Klärung und Bearbeitung folgender Themenbereiche in unserem Arbeitskreis, der sich vorwiegend aus Gynäkologinnen und Gynäkologen gestaltete, vorrangig:

  1. Thematisierung, Explorationstechniken und sprachlicher Umgang mit den Themen: Sexualität, Erleben des Sexuallebens und Störungen im Erleben der eigenen Sexualität.

  2. Diagnostik und Indikationsstellung einer Sexualstörung.

  3. Mögliche Maskierung der Beschwerdebilder, aber auch Phänomenologie und Symptomatik sexueller Funktionsstörungen im weiblichen Lebenszyklus.

  4. Definition, Grenzen und Unterschiede der Fachbereiche: ärztliches Gespräch - Psyhotherapie-Beratung.

  5. Klärung, wie weit jeweils die eigene individuelle Kompetenz und Verantwortung im Umgang mit sexuellen Störungen gegeben ist, und wo an eine, mit der Patientin sorgfältig abgesprochene Zuweisung an ein für sie und ihre Problematik geeigneteres Behandlungskonzept zu denken ist.

Anhand von konkreten Fallbeispielen aus den unterschiedlichsten Arbeitsbedingungen der alltäglichen Praxis der Teilnehmer (Klinik, Privat- oder Allgemeinpraxis) und eines Rollenspiels, konnte ein umfangreiches Spektrum von Symptompräsentation und Ursachen sexueller Funktionsstörungen und Problemen aufgezeigt, in weitere Folge als solche definiert und diagnostiziert werden.
Sowohl das diagnostische Procedere, wie auch die Faktoren die eine Anamnese ermöglichen, oder beeinflussen wie:

  • Setting (Rahmenbedingungen)

  • Sprache (Verwendung von Hochsprache, Umgangssprache, Fremdsprache, Slang, wissen- wissenschaftl. Terminus etc.)

  • Inhalt (welche Themen, Fakten und Hintergründe müssen für eine Indikationsstellung erfragt werden)

  • Art der Beziehungsinteraktion (was ist wahrnehmbar, beobachtbar und erkennbar im Erstkontakt) konnten besprochen und mögliches weiteres Vorgehen diskutiert werden.

Nach der Definition einer Funktionsstörung:
Es handelt sich hierbei um eine zentrale Hemmung, bei Frauen häufig aus Gründen der Angst, am Ausführungsorgan, der Vagina manifest werdend.

Einer übersicht über die möglichen sexuellen Funktionsstörungen der Frau
(Appetenzstörungen, Untererregbarkeit, Vaginismus, Dyspareunie, Anorgasmie)

weiters einer Aufzählung möglicher Maskierungen der Beschwerden
(wie: rezidivierdende Pilzerkrankungen - Unverträglichkeit sämtlicher Kontrazeptiva - psychosomatische Erkrankungen wie therapieresistenter zervikaler Hypersekretionsflour - Kinderwunsch , eine häufige Maskierung von Vaginismuspatientinnen)

und einem Beschreiben der Hauptstationen der Hemmungen aus psychoanalytischer Sicht
(natürlich nach Ausschluß möglicher organischer Ursachen)

  1. Abwendung der Libido zur Einleitung,
  2. Ausbleiben psychophysischen Vorbereitung,
  3. Störungen im Ablauf des Vorganges,
  4. Unvermögen einen Orgasmus lustvoll zu empfinden.

Ich möchte hier an dieser Stelle auf den Vortrag von Prof. Dr. M. Springer-Kremser zum Thema: "Sexualität und Lebenszyklus - kritische Anmerkungen" am Samstag verweisen, der dieses Thema sehr ausführlich behandelt hatte.

Wurden noch die miteinander in Wechselwirkung stehenden Problemkreise

  1. Soziokulturelle Faktoren
  2. Interaktionsstil mit dem Partner
  3. Psychodynamik des Einzelnen
  4. Organische Ursachen
die sowohl an der Entstehung einer psychogenen Funktionsstörung beteiligt sein können, wie auch in der Erhebung der Anamnese von zentraler Bedeutung sind, aufgezeigt und besprochen.

Hier möchte ich an den Vortrag von Dr, Beate Riedl am Samstag erinnern, in welchem sie sehr umfassend, präzise und übersichtlich strukturiert, ein mögliches Vorgehen in der Gestaltung des diagnostischen Procedere, der Erhebung und Bearbeitung des umfangreichen Themas der Sexualstörungen, Symptombildungen und Krankheitsbilder und der Möglichkeiten, Chancen und Grenzen einer Sexualberatung in einer gynäkologischen Praxis beschrieben hat.

Worin könnte nun die Hilfe der ärztin/des Arztes für die Patientin bestehen?

  • In der Schaffung und Gewährleistung eines sicheren Rahmens und in einem von der Patientin regulierbaren Grad der Intimität des Gespräches, in welchem die Probleme thematisiert werden.
  • Einer vorbehaltlosen Annahme der Selbstpräsentation der Patientin und der vorgebrachtem Themen.
  • Dem Einnehmen einer nichtwertenden, jedoch wertschätzenden Haltung der Patientin gegenüber und dem Unterlassen, der Patientin Ratschläge zu geben, die vielleicht dem eigenen, nicht jedoch dem Wertesystem und den Vorstellungen der Patientin entstammen.
  • Weitere Hilfen sind das gelegentliche Setzen von Angeboten über die Probleme zu sprechen, bzw. ein kontinuierliches Pendeln zwischen heiklen und problematischen Inhalten und anderen wichtigen Themen der gynäkologischen Praxis.
  • Einer großen und wichtigen Bedeutung im Rahmen einer Anamnese kommt die Erfassung der "Laienätiologie" zu. Dabei handelt es sich um die eigenen Theorien, die sich eine Patientin über ihre Störungen gebildet hat und um die Zusammenhänge die sie selbst zwischen ihren derzeitigen Symptomen und ihrer persönlichen Lebenslerngeschichte und ihrer Vergangneheit erkennen kann und welche sehr häufih für die tatsächliche Entstehung ihrer Probleme von hoher Relevanz sind.
  • Ein Auffangen und Stärken, bzw. die übernahme einer zeitweiligen "Containerfunktion" für die Anliegen der Patientin sind von ebenso großer Bedeutung wie eine
  • Mit der Patientin gut be- und abgesprochene, vorbereitete und organisierte Zuweisung an ein weitführendes oder geeigneteres Behandlungskonzept.

Im Konkreten können die Intervebtionen von einer nondirektiven fokussierten Beratung, von unterstützenden Maßnahmen unter Einbeziehung des Umfeldes der Patientin, über Krisenintervention und psychoanalytisch orientierten Kurztherapien reichen, bis dahin, daß der Schwerpunkt der Behandlung von einer vorwiegend symptomzentrierten Therapie der sexuellen Funktionsstörung weg und hin zu einer allgemein Psychotherapie verlagert werden muß.

Hilfreich, um für die ständig steigenden Anforderungen der täglichen Praxis gerüstet zu sein, ist zum einen die Auseinandersetzung mit Fachliteratur und neuesten Erkenntnissen zum Thema, aber auch die Hinterfragung und Bearbeitung der eigenen Rolle, Einstellungen und Wertvorstellungen im Rahmen von Balintgruppen oder Selbsterfahrungsgruppen- oder der Besuch einer Arbeitsgruppe zum Thema, wie diese es war, unter der Leitung von Prof.Dr. Springer- Kremser.

Ihre reiche Erfahrung, ihr immenses Wissen zum, und der versierte Umgang mit dem Thema, haben es möglich gemacht, selbst schwierige Themen und Inhalte unter Einbeziehung der eigenen emotionellen Reaktionen und der eigenen Hypothesenbildungen zum vorgestellten Fallbeispiel, auf eine Basis der Selbstverständlichkeit zu bringen, von welcher aus es meiner Meinung nach erst wieder möglich ist, neue Perspektiven und Strategien zu entwickeln, um verantwortungsvolle Schritte in Kooperation mit der Patientin und zu ihrem Wohle setzen zu können.


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