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Die Migrantin mit Kinderwunsch Wie aus dem Namen unseres Instituts zu erkennen ist, behandeln wir unsere Patientinnen und Patienten nach einem psychosomatischen Konzept. Neben den organischen Befunden werden auch diejenigen psychosozialen Belastungen bearbeitet, die für die Fruchtbarkeitstörung relevant sein können, wie Belastungen aus dem Umfeld, der Partnerschaft, der Psychodynamik und der Biographie. Dabei hat sich herausgestellt , dass Frauen, mit denen wir nur gesprochen haben ohne sie medizinisch zu behandeln, in der Folge zu 25% auf natürlichem Wege schwanger werden (Kemeter P. et.al. J. für Fertilität und Reproduktion, 11 (5): 34-36, 2001). Dies gilt natürlich auch für Migrantinnen, nur kommen bei ihnen zu den erwähnten Belastungen oft noch spezielle, durch die Migration bedingte Belastungen dazu. Im Allgemeinen haben Migrantinnen besonders in der Anfangsphase ihres Lebens im neuen Land gewaltige Aufgaben zu erfüllen. Sie müssen sich neu orientieren und sich möglichst bald zurechtfinden in der für sie neuen Welt. Zusätzlich zu den Verständigungs-schwierigkeiten infolge der für sie anfänglich fremden Sprache kommt vor allem die Schwierigkeit, die in der alten Heimat erworbenen soziokulturellen Prägungen mit den soziokulturellen Bedingungen in der neuen Heimat in Einklang zu bringen. Solange dies nicht oder nicht ausreichend gelingt, entsteht leicht das Gefühl, nicht dazu zu gehören, ein Mensch zweiter Klasse zu sein, jedenfalls nicht integriert zu sein in diese Gesellschaft. Man kann sich daher leicht vorstellen, dass diese Frauen, wenn deren Selbstwertgefühl von Haus aus nicht besonders robust ist, unter diesen Belastungen aus dem seelischen Gleichgewicht kommen und auch mit psychosomatischen Symptomen reagieren. Manche Frauen in der Migration wünschen sich zwar ein Kind, eine Schwangerschaft stellt sich aber nicht ein, oder kann nicht voll ausgetragen werden, auch wenn dafür keine organische Ursache gefunden werden kann. Die psychosomatischen Aspekte dabei werden in unserem Institut speziell berücksichtigt. Zunehmend fand ich Interesse daran, mich auch mit der seelischen Seite des unerfüllten Kinderwunsches zu beschäftigen und dachte schließlich daran, das Beraten einmal zu meinem Beruf zu machen. Gedacht - getan, ich begann vor 3 Jahren eine Ausbildung zur Psychotherapeutin und habe mittlerweile das Propedeutikum abgeschlossen und bin gerade im Fachspezifixum. Gleichzeitig führte ich unter Supervision von Frau Dr.Jutta Fiegl, unserer Psychotherapeutin, psychosomatisch orientierte Gespräche mit Paaren in unserem Institut. Da ich auch Migrantin aus dem ehemaligen Jugoslawien bin, laufen so gut wie alle Kontakte der jugoslawisch - sprechenden Patientinnen über mich. Bald erkannte ich, dass für viele Patientinnen die Zeit für Gespräche im Institut zu knapp ist. Ich wollte Paaren die Möglichkeit geben, Dinge zu besprechen, zu denen wir am Institut nicht gekommen waren. Viele Patientinnen haben ja sonst kaum Kommunikationsmöglichkeiten in ihrer Sprache und sind dankbar dafür, wenn sie jemanden aus ihrer Heimat finden, mit dem sie sich aussprechen können. Da wurden mir die soziokulturellen Unterschiede oft sehr deutlich, etwa wenn ich hörte: "Der Arzt und die Psychologin verstehen mich nicht, die kommen nicht aus meinem Land!" Durch die daraus resultierende Nähe mit ihnen erlebte ich deren Verhalten und das seelische Befinden bei der Behandlung oft sehr hautnah. Bald aber waren die Grenzen meiner Belastbarkeit erreicht und ich musste die Dinge mehr strukturieren. Ein Weg dazu war, dass ich statt der Einzelgespräche Gruppengespräche einführte. Diese finden nun alle 14 Tage im FEM (Gesundheitszentrum für Frauen Eltern und Mädchen) statt, als IVF-Selbsthilfegruppe für jugoslawisch sprechende Migrantinnen. Dort wird den Betroffenen Gelegenheit gegeben, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen aber auch über den Umgang mit Hoffnungen, Ängsten, Enttäuschungen, Scham, Neid und Minderwertigkeitsgefühlen, sowie über ihre Kommunikationsprobleme (Sprache, Kultur, etc. ) zu sprechen. Diese Gruppengespräche sind sehr gut angenommen worden. In der Gruppe wurde natürlich immer wieder über Wünsche, Erwartungen und Ängste bei der Behandlung gesprochen und so gab ich die Hausaufgabe auf, diese aufzuschreiben. Als Beispiel möchte ich nun 2 dieser Aufzeichnungen zeigen. Zuerst Patientin1:
Sie wünscht sich vor allem ein Kind. Sie hat auch große Hoffnung, dass ihr dazu geholfen wird. Gleichzeitig hat sie sehr große Angst vor der Schwangerschaft. Pat. 2, hingegen spricht nur von der Schwangerschaft und nicht vom Kind. Ihre Ängste beziehen sich nur auf die Erfolglosigkeit der Behandlung.
Beide Patientinnen wurden mit IVF behandelt und sind auch schwanger geworden. Pat. 1 hatte allerdings bald eine Fehlgeburt (missed abortion). Besteht hier ein Zusammenhang mit ihren vielen Ängsten? Jedenfalls zeigt der Vergleich dieser beiden Migrantinnen, dass die Migration allein nicht ausreicht, um deren Fertilitätsproblematik zu erklären. Wenn wir herausfinden wollen, welche psychosozialen Faktoren möglicherweise eine Rolle spielen, müssen wir in jedem Fall eine ausführliche psychosomatisch orientierte Anamnese durchführen. Nun möchte ich die Problematik einer anderen Migrantin mit Kinderwunsch näher beschreiben, bei der das Migrationsproblem doch den Behandlungserfolg zu behindern scheint. Es handelt sich um eine 38 jährige Frau, Akademikerin (Dipl.Ing.), die in ihre Heimat als Architektin arbeitete. Ihr Mann, der schon seit seiner Kindheit hier lebt, hat sie vor 3 Jahren geheiratet und zu sich nach Wien geholt. Er ist sowohl beruflich als auch soziokulturell in unser Umfeld integriert. Schon kurz nach ihrem Eintreffen entstand bei ihr der Wunsch nach einem Kind, doch leider ließ sich dieser nicht sofort erfüllen. Die Untersuchung ergab, dass ihre Eileiter funktionsgestört waren. Sie entdeckte über das Internet die Homepage unseres Institutes mit der Möglichkeit hier in ihrer Muttersprache zu reden. Das Paar kam zum Erstgespräch und es wurde die IVF (In-vitro-Fertilisation) - Behandlung begonnen.
Im Zuge der Vorbehandlung hatte ich einige längere Gespräche mit ihr, aus welchen ich erfuhr, wie sehr sie unter der sozialen Isolation litt. Den ganzen Tag saß sie in der Wohnung und wartete auf ihren Mann. Sie kannte hier kaum jemanden zum Reden. Ich ermunterte sie immer wieder, Dinge zu tun, die sie auch in ihrer Heimat gerne tat: Schaufenster betrachten, neue Gegenden kennen lernen und vor allem einen Deutschkurs zu besuchen. Sie entwickelte rasch zu mir, und erst viel später auch zu anderen Migrantinnen, die sie im Wartezimmer kennen lernte, eine Freundschaft. Gleich die erste IVF-Behandlung führte zu einer Zwillingsschwangerschaft, die leider in der 9.SSW mit einem Abortus endete. Beim 2. Versuch war es eine Einlingsschwangerschaft, die unauffällig bis zur 12. SSW ging, dann aber ebenfalls wegen fehlender Herztöne abgebrochen werden musste. Auch nach der dritten Behandlung kam es leider in der 6.SSW zum Abortus. Zusätzlich ergab sich für das Paar die Möglichkeit in die USA auszuwandern, doch erkannten sie und ihr Mann bald, dass die Situation dort für sie in keiner Weise besser sein würde. Aus der daraus resultierenden Orientierungslosigkeit beschloss das Paar schließlich voll und ganz in Österreich Fuß zu fassen. Sie intensivierte ihre Sprachkurse, fand eine Arbeit in ihrem erlernten Beruf als Architektin, kaufte sich mit ihrem Mann zusammen eine Eigentumswohnung und erweiterte bewusst ihren Freundeskreis. Dazu zählten nun auch die Freunde ihres Mannes, also auch Inländer. Zusätzlich besucht sie regelmäßig die von mir im August gegründete Selbsthilfegruppe für Migrantinnen mit Kinderwunsch. Sie fühlt sich dort sehr wohl, weil es noch immer die einzige Stelle ist, wo sie offen über ihr Kinderwunschproblem sprechen kann. Das Paar beginnt gerade einen neuen IVF-Versuch. Wir haben den Eindruck, dass sie diesmal ganz anders an die Behandlung herangeht. Sie braucht das Kind nicht mehr gegen ihre soziale Isolation und um ihre Leere auszufüllen, sondern nun sieht es eher so aus, als wolle sie ihrem Kind ein warmes Nest und eine Zukunft in ihrer neu eroberten Heimat zu geben. |