Die japanische Frau als Patientin in der Gynäkologie und Geburtshilfe Unterschiede Japan - Europa?
Bacowsky H., Bacowsky M.

Abstract:
In einer kurze Darstellung werden die Veränderungen der Stellung und des Rollenbildes der Frau in der japanischen Gesellschaft des ausgehenden 19. u. 20. Jahrhunderts aufgezeigt, um das Verstehen für den Einfluss der gesellschaftlichen Normen auf die Einstellung der japanischen Frau zu ihrem Körper und ihrer Sexualität zu fördern. Das Wissen um diese Unterschiede in der Befindlichkeit japanischer Patientinnen, soll dem österreichischen Arzt, der Ärztin und Hebamme den Umgang mit dieser Patientengruppe in der täglichen Praxis in Gynäkologie und Geburtshilfe erleichtern.

Key words: japanische Frau, Gynäkologie, Geburtshilfe

Einleitung:
Die Stellung der Frau in der japanischen Gesellschaft früher und heute
Das Rollenbild der Frau in der japanischen Gesellschaft bis nach dem 2. Weltkrieg war geprägt durch das Verständnis, dass sie als Mutter Zentrum der Familie war. Ihre Aufgabe war die der Gebärerin des vor allem männlichen Stammhalters, des Managements der Firma Familie, Herrscherin über den inneren Bereich, versinnbildlicht auch im chinesischen Zeichen, dass mitunter für Familie verwendet wird (Uchi = Innen), aber auch Dienstmagd der Schwiegermutter, so sie dem ältesten Sohn einer Familie verheiratet wurde. War es vor 100 Jahren noch üblich, dass bis zu drei Generationen vor allem im ländlich bäuerlichen Bereich unter einem Dach lebten, so ist im 21. Jahrhundert diese Form der Gemeinschaft schon eine Rarität, der Trend zum Singlehaushalt mit alle seinen andersgearteten sozioökologischen und ökonomischen Problemen scheinbar unaufhaltbar. (Tab.1, 2)

Tab.1

Tab.2

Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts war die Eheschließung vor allem im Bereich der gehobenen und oberen Gesellschaftsschichten Sache des Patriarchen der Familie. Unter in Anspruchnahmen eines Vermittlers wurde nach genauer finanzieller und gesundheitlicher Prüfung sowohl der Familien als auch der Kandidaten die Entscheidung getroffen. So genannte Liebesheiraten waren in dieser Zeit die Ausnahme. Die Aufklärung erfolgte vor der Hochzeitszeremonie im Schnellverfahren mittels Darstellungen des Geschlechtsverkehrs an Hand von Bildern (z.B. Ukiyoe-Bilder) und dem wohlmeinenden Ratschlag: "..hinlegen und ruhig alles über sich ergehen lassen...der Mann weiß schon, was zu tun ist..."
Die veränderten Vorstellungen der Ehe spiegelt eine Email-Umfrage von "Trend in Japan" aus dem Jahre 2003 wider (1), in der 300 japanische Singles (150 Frauen, 150 Männer) im Alter zwischen 20 und 30 Jahren zum Thema Ehe äußerten. Zur Frage, wie man den/die künftige(n) Partnerin am liebsten kennenlernen wolle, gaben 87% der Befragten an, ihn per Zufall treffen zu wollen, 50% äußerten Ihm oder Ihr über einen gegenseitigen Freund vorgestellt zu werden. 20% wünschten ein vorher festgesetztes Rendezvous und 18% im Rahmen eines Gruppentreffens. Der Anspruch der jungen Japanerinnen an ihre zukünftigen "Traummann" wird seit den 80er Jahren in den Medien unter dem Begriff des "sanko" (3 hohe Wünsche) kolportiert, das heißt der zukünftige Heiratspartner sollte über einen hohen Bildungsabschluss, eine hohe Gehaltsstufe und ein hohes Körpermaß besitzen.
Da immer mehr Frauen auch die berufliche Karriere bevorzugen und nicht mehr gewillt sind, die Pflegelast der zunehmend überalternden Gesellschaft mit zu tragen, ist das durchschnittliche Heiratsalter in den letzten Jahre weiter gestiegen. Im Jahr 2000 lag die Quote der noch nie verheirateten Frauen zwischen 25 und 29 Jahren bei 54%. Erstgeborene männliche Nachkommen sind zunehmend schwerer am Heiratsmarkt vermittelbar, da in der Regel diese auch nach der Eheschließung im elterlichen Haushalt weiterleben und es die Aufgabe der Frau ist, die Pflege der Schwiegereltern zu übernehmen. In den letzten Jahren zeigte sich auch eine deutliche Zunahme der Ehepaarhaushalte ohne Kind (Tab.3,4) und ein dramatischer Rückgang der Geburtenrate. Dagegen steigt die Zahl der Hunde und Katzen, die in kinderlosen Haushalten leben.

Tab.3

Tab.4

Hauptteil:
Schamgefühl und die Einstellung zum Geschlechtsteil: das so genannte "hazu kashi " Kindern wird immer wieder gesagt, dass nackt herumlaufen etwas zum Schämen ist, insbesondere wird solcherart der Anal-Genitalbereich stigmatisiert. Beispiel aus der Erfahrung einer Babysitterin: Weibliche Babysitterin will einem zweijähriges Mädchen das Nachthemd anziehen, da schreit die Kleine: "...schau nicht meine nackte Haut!"
Diese Einstellung findet sich im Erwachsenenalter - dann allerdings oft unbewusst - und beeinflusst das Verhalten der Frauen unter anderem auch bei der gynäkologischen Untersuchung.
Sexualaufklärung findet sich bereits seit einigen Jahren im Lehrplan von Volksschulen, die Handhabung aber durch die einzelnen Lehrkräfte ist jedoch sehr unterschiedlich. Generell lässt sich sagen, dass die Art der Aufklärung eher zu einer Verschleierung, denn zur Klärung beitragen. Aufklärung in Familien erfolgt individuell, je nach Bildungsgrad und Einstellung zur Sexualität. Als ein exemplarisches Beispiel sei jene Familie angeführt, in der bereits 2 Buben im Alter von 3 und 5 Jahren leben und das dritte Kind erwartet wurde. Auf die Frage wo das Baby herkommt, haben die Eltern alles entsprechend erklärt und damit war für die beiden Knaben das Thema erledigt. Im zweiten Beispiel erfolgte die Aufklärung eines Mädchens in der Pubertät durch ihre Freundin in der Schule. Als Folge dieser Aufklärung erinnerte sie sich an ein Erlebnis aus der Kindheit, als sie die Eltern beim Beischlaf überraschte. Auf Grund dieser Erinnerung kam es zu einer kurzzeitigen Traumatisierung. Der Geschlechtsverkehr wurde als etwas Schmutziges und Abstoßendes empfunden, das Mädchen reagierte mit einem 10 Tage dauernden Kommunikationsstop mit den Eltern begleitet von Appetitlosigkeit. Mit der Zeit normalisierte sich dieser Zustand auf natürliche Weise.
Aufklärung über Geschlechtskrankheiten (Transmissible Sexual Diseases) insbesondere AIDS erfolgt zwar, die Infektionstendenz bei japanischen Männern weist in den letzten Jahren stark steigende Tendenz auf (Tab.5 rote Linie japanische Männer, gelbe Linie japanische Frauen).

Tab.5

Verhütung ist in der Regel Sache der Frau. Bevorzugte Methoden sind, nachdem die Pille auch in Japan zugelassen wurde, die hormonelle Kontrazeption, gefolgt von Kondom und Methode Knaus/Ogino, viele nicht verheiratete junge Paare verhüten jedoch nicht. Sexualverhalten: erster Geschlechtsverkehr findet laut einschlägigen Wochenmagazinen im Alter von 13 bis 15 Jahren statt. In der offiziellen Statistik findet sich dazu folgende Angabe:

In früherer Zeit war vorehelicher Geschlechtsverkehr nicht gestattet, ist aber trotzdem passiert. Bei ungewollter Schwangerschaft von Dienstboten, heimlichen Geliebten oder Töchtern aus "gutem Haus" wurde, wenn es zum Abbruch zu spät war, das Kind ausgetragen und dann zur Adoption freigegeben. Heute ist bei diesem Problem eine Schwangerschaftsunterbrechung ohne rechtliche Folgen für die Frau möglich.
In den letzten Jahren findet sich eine Zunahme der Promiskuität unter jungen Schülerinnen aller Gesellschaftsschichten, die ihre Körper an ältere gut situierte Herren verkaufen, um mit dem so erworbenen Geld Luxusgüter und Markenartikel zu kaufen. Prostitution ist in Japan offiziell verboten, wird aber von den Behörden geduldet.

Aus Interviews mit Betroffenen:
Die 1. gynäkologische Untersuchung erfolgt normalerweise bei Eintritt der 1. Schwangerschaft. Die Wartezeit bis zur Untersuchung beträgt für die Patientin durchschnittlich 3 Stunden, kann aber auch länger sein, wenn der Arzt durch eine Geburt verhindert wird, da Gynäkologie und Geburtshilfe auch in der niedergelassenen Ordination nicht entkoppelt sind und der Arzt jederzeit zu einer Geburt abgerufen werden kann.
Unterschiede in der gynäkologischen Praxis zwischen Österreich und Japan zeigen sich schon in der Einrichtung des Untersuchungsplatzes. In Japan betreiben auch niedergelassene Gynäkologen in der Regel mehrere Untersuchungsstühle in einem Raum, die durch einen dünnen Vorhang von einander getrennt sind. Hinter jedem Stuhl befindet sich eine kleine Umkleidekabine (wie in Röntgeninstituten in Österreich). Nachdem die Patientin den Unterkörper frei gemacht hat, begibt sie sich auf den Untersuchungsstuhl, wobei sie dann noch durch einen kleinen Vorhang in Beckenhöhe vor den Blicken des untersuchenden Arztes versteckt ist. Dadurch soll oder ist eine Anonymität gewahrt, weil ja der Anal-Genitalbereich seit Kindheit ein Bereich ist, für den es sich zu schämen gilt (das so genannte "hazu kashi").
Auf Grund der dünnen Vorhänge bekommt aber jede Patientin das Gespräch zwischen Arzt und untersuchter Nachbarinnen mit. Für Japanerinnen, die sich im Westen u. a. Österreich einer gynäkologischen Untersuchung unterzogen haben, eine durchaus unbefriedigende, um nicht zu sagen erniedrigende Prozedur. Auf Grund dieser japanischen Eigenart der Untersuchungspraxis ergibt sich für den österreichische(n) Gynäkologen(in) bei der Untersuchung einer japanischen Patientin, die zum ersten mal eine solche im Ausland in Anspruch nimmt, eine gewisse Vorgangsweise, um dem Schamgefühl der Frau Rechnung zu tragen.
Auch wenn im niedergelassenen Bereich Umkleidekabinen in Verwendung sind begibt sich die Patientin entkleidet zum Untersuchungsstuhl, meist in Anwesenheit des Arztes. Viele Japanerinnen suchen daher bei der ersten Konsultation nach einem Tuch oder anderen Gegenstand, um ihre Blöße zu bedecken. Wenn dann noch sprachliche Kommunikationsprobleme auftreten, führt dies manchmal zu komischen aber auch peinlichen Szenen.
Auch Fragen nach dem Intimleben erregen mitunter Verwunderung bei den Betroffenen, was diese aber aus Höflichkeit oder Angst vor dem Arzt nicht artikulieren. Denn solche Fragen werden in der Regel von japanischen Ärzten nicht gestellt. Was immer wieder in den Interviews auffällt, ist das positiv Hervorheben des Engagements und die Zeit die für Erklärungen nach erfolgter Untersuchungen aufgewendet werden.

Über unterschiedliche Erfahrungen während der Geburt berichtet eine Betroffene: "... in Japan musste ich beim Einsetzen der Wehen mit gespreizten und fixierten Beinen auf dem Gebärstuhl sitzen, obwohl es noch Stunden dauerte, bis die Geburt schließlich erfolgte. Das war äußerst unangenehm, da ich keinen Lagewechsel durchführen konnte. Von Seiten des Arztes oder der Hebamme gab es keine Hilfestellung...in Österreich dagegen wurde ich nicht fixiert, die Atmosphäre war entspannt und trotzdem ich kaum deutsch verstand, war der Umgang sehr liebe- und rücksichtsvoll. Auch wurde mir unmittelbar nach der Geburt das Baby mit Nabelschnur auf den Bauch gelegt, eine glückliche Erfahrung, die ich bei meinen beiden früheren Geburten in Japan nicht machen konnte...auch die Anwesenheit meines Mannes während der Geburt erlebte ich in Österreich zum ersten Mal...dies ist in Japan nicht die Regel..."
Der Einsatz von Wehen fördernden Medikamenten wird in Japan sehr großzügig gehandhabt. Dadurch kommt es aber oft zu überschießender Wehentätigkeit mit ausgeprägten Schmerzen. Diesen Anblick ihrer leidenden Frauen können viele Männer, die sich doch entschlossen haben nach obligatorischer Teilnahme an einem Kurs zur Geburtsvorbereitung für werdenden Väter, nicht ertragen und ziehen sich zurück.
Japanerinnen, die ihre Schwangerschaft und Geburt in Österreich erlebten, berichten, dass diese Kinder ruhiger, zufriedener sind, als die Kinder, die sie in Japan geboren haben. Trotz sprachlicher Probleme empfehlen japanische Mütter ihren Bekannten, Schwangerschaft und Geburt in Österreich zu erfahren.

Früherkennung in der Onkologie scheitert in Japan oftmals daran, dass viele Patientinnen den Gang zum Gynäkologen scheuen, da vor allem die Arzt-Patientinnen Kommunikation schlecht funktioniert, die Art des Umganges von den Patientinnen als unpersönlich, abweisend, zu kurz, zu oberflächlich, die Untersuchung teilweise als grob und schmerzhaft empfunden wird.

Bei Unfruchtbarkeit, Kinderwunsch werden nach sorgfältiger Abklärung häufig auch additive Behandlungsverfahren wie Kampo, traditionelle japanische Phytotherapie, in Kombination mit Akupunktur oder künstlicher Insemination eingesetzt (2,3,6,7). Früher ein Stigma, das zur Auflösung der Ehe führen konnte, hat sich die offizielle Einstellung dazu doch stark gewandelt, die psychische Auswirkung für die betroffene Frau können aber nach wie vor gravierend sein.
Alter und Sexualität: mit zunehmenden Alter lässt sich in der japanischen Gesellschaft ein auseinanderdriften der Partner feststellen, was auch in der Scheidungsstatistik erkennbar wird. Auch die ehelichen sexuellen Aktivitäten reduzieren sich bereits in der Altersgruppe ab 45 Jahre, wobei neben nachlassender körperlicher Spannkraft verschiedene Gründe dafür verantwortlich sein können: abnehmende Zuneigung, schwinden der körperlichen Attraktivität, unterschiedliche Freizeitinteressen, Müdigkeit vor allem der Männer durch gesellschaftliche Verpflichtungen, finanzielle Probleme, drohende Kündigung...
Symptome der beginnenden Menopause werden von den Patientinnen unterschiedlich wahrgenommen und empfunden. Bei Frauen, deren Partnerschaft und Sexualleben harmonisch ist, treten psychosomatische Beschwerden in dieser Zeit weniger gravierend auf. Diese Art der Beschwerden werden von vielen japanischen Ärzten sehr erfolgreich mit Rezepturen der Kampo Medizin, der traditionelle japanische Phytotherapie, behandelt (4,5).

Zusammenfassung:
Von Japanerinnen wird an österreichischen gynäkologischen Ordinationen im niedergelassenen Bereich als positiv empfunden:

  • Angenehme Atmosphäre im Wartezimmer und Untersuchungsraum
  • Zeit für ausführliches persönliche Gespräch
  • Optimierte Betreuung
  • Erklärung der Untersuchung
  • Erklärung der Befunde und der sich daraus ergebenden Therapie
  • Kosten für die Geburtshilfe wird von den öffentlichen Kassen gedeckt

Literatur
1) www.jinjapan.org/trends, in Japan Forum 6/03
2) Takahashi K., Kitao M.: Effect of tj-68 (Shakuyaku-kanzo-to) on Polycystic Ovarian Disease; International Journal of Fertility 39:2, 1994
3) Ogata G., Anwendung von Tokioshakuyakuosanogookeishiobukuryoogan, Toki-shigyaku-ka-goshuyu-shokyo-to bei Menstruationsstörungen und Unfruchtbarkeit, J.of Kampo Medicine, 39, 4, 36-37, 1992
4) Sho Meiei, Über Keishi-bukuryo-gan, Toki-shakuyaku-san, J.of Kampo Medicine, 39, 4, 37-44, 1992
5) Terasawa K., Kampo, Praxis der traditionellen fernöstlichen Phytotherapie anhand von klinischen Fallbeispielen, K.F.Haug-Verlag 1994
6) Terashi B., Funin o naosu Kampo, Taisedo,1986
7) Bacowsky H.,Behandlung einer durch PCO (Polycystisches Ovar) bedingten Amenorrhoe mit der Kampo-Rezeptur Keishi-Bukuryo-gan/Gui-zhi-fu-ling-wan, EuroKampo Nr.3, 2003, ISSN 1810-0430, www.eurokampo.at

Anschrift der Verfasser:
Dr. phil. Bacowsky Michiko
Dr.med.Dr.med.vet. Bacowsky Helmut
Zentrum Nosomi
Sachsenplatz 9/30
A-1200 Wien/Austria/Europe
e-mail: nosomi@nosomi.at
web: www.nosomi.at


Zurück....